Mittwoch, 22. Februar 2012 | Autor: | Artikel ausdrucken

Vor kurzem habe ich hier im Blog einen Artikel zur Importabhängigkeit der deutschen Stromversorgung veröffentlicht. In diese Berechnungen sind damals unter anderem die von der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) veröffentlichten Daten zur „Bruttostromerzeugung in Deutschland von 1990 bis 2011 nach Energieträgern„. Da sich im Jahr 2011 energiepolitisch einiges getan hat (Stichworte Fukushima, Atomausstieg und Energiewende) habe ich mir die Daten von 2010 und 2011 mal etwas genauer angeschaut.1 Da Daten aber manchmal etwas unanschaulich sind, habe ich eine Reihe von Diagrammen erstellt, um die Veränderungen im Strommix zu veranschaulichen. Im Folgenden möchte ich diese Diagramme vorstellen und ein wenig diskutieren. Konkrete Zahlen werde ich aber nicht durchkauen, wer die wissen will sei auf die genannte Quelle verwiesen.

Bruttostromerzeugung regenerativ

Bruttostromerzeugung regenerativ

Das erste Diagramm zeigt die Zusammensetzung der Bruttostromerzeugung, das heißt sämtlicher in Deutschland produziert elektrischer Energie. Als erstes fällt auf, dass die Säule für 2011 kleiner ist als die für 2010, insgesamt wurde also weniger elektrische Energie produziert. Zum anderen fällt auf, dass sich die Anteile der unterschiedlichen Energieträger untereinander verschoben haben.

Regenerative Bruttostromerzeugung

Regenerative Bruttostromerzeugung

Schaut man sich die Stromerzeugung der Regenerativen genauer an, so ist ein deutliches Wachstum zu verzeichnen. Während die Stromerzeugung aus Wasserkraft leicht zurückging und Biomüll2 nahezu konstant blieb, legten Photovoltaik, Windkraft und Biomasse deutlich zu. Windkraft ist nach wie vor die wichtigste erneuerbare Energie, gefolgt der Biomasse. Die Photovoltaik überholte ganz knapp die Wasserkraft, so dass letztere nur noch den vierten Rang erzielt. Das Schlusslicht Geothermie trägt momentan noch so wenig zur Stromversorgung bei, dass in der AGEB-Tabelle sowohl für 2010 als auch 2011 eine Produktion von 0,0 Terawattstunden stehen.3

Bruttostromerzeugung mit fossilen, nuklearen, regenerativen und übrigen Energieträgern

Bruttostromerzeugung mit fossilen, nuklearen, regenerativen und übrigen Energieträgern

Als nächstes habe ich mir dann angeschaut, wie die Stromerzeugung auf die Sektoren fossil, nuklear, regenerativ und übrige aufgeteilt ist. Wie nach Atommoratorium und Stillegung der älteren Kernkraftwerke nicht anderst zu erwarten war, ist die nukleare Stromerzeugung deutlich zurückgegangen. Es wurde ja geunkt, dass dadurch viel mehr Strom aus fossilen Kraftwerken erzeugt werden würde, was zu einer deutlichen Erhöhung der CO2-Emissionen führen würde. Aber das Diagramm zeigt, dass die fossile Stromerzeugung nahezu konstant geblieben ist, um genau zu sein ist die fossile Stromerzeugung sogar minimal zurückgegangen. Die Lücke der Kernkraftwerke wurde hingegen zum größeren Teil durch eine höhere regenerative Stromerzeugung und zum kleineren Teil durch eine Reduktion der Exporte geschlossen, einhergehend mit einer Verringerung der Stromerzeugung insgesamt.

Absolute Veränderung der Stromerzeugung der einzelnen Energieträger

Absolute Veränderung der Stromerzeugung der einzelnen Energieträger

Das Diagramm mit den absoluten Veränderungen der Brutostromerzeugung der unterschiedlichen Energieträger4 zeigt dies nocheinmal. Sehr deutlich wird hier der sehr große Einbruch der Kernkraftwerke. Diese Säule ist ziemlich genau gleich groß wie die Summe der Säulen der erneuerbaren Energien und der Säule der Reduktion der Stromerzeugung. Außerdem ist sehr schön zu sehen, dass zwar die Braunkohlekraftwerke mehr Strom erzeugt haben, alle anderen fossilen Kraftwerke dies aber überkompensieren. Da zwar Braunkohlekraftwerke pro Kilowattstunde mehr CO2 emittieren als andere fossile Kraftwerke, insgesamt aber eine leichte Reduktion der fossilen Stromerzeugung eingetreten ist, so vermute ich mal, dass die CO2-Emissionen aus fossilen Kraftwerken sich höchstens marginal erhöht haben dürfte.

Relative Veränderung der Stromerzeugung der einzelnen Energieträger

Relative Veränderung der Stromerzeugung der einzelnen Energieträger

Beim relativen Zuwachs gibt es sowohl einen ganz großen Verlierer (die Kernenergie, wie bereits erörtert) und auf der anderen Seite einen ganz großen Gewinner, nämlich die Photovoltaik. Dieser Gewinn ist aber vor allem auf das Jahr 2010 zurückzuführen, denn im Jahr 2010 gab es insbesondere zu Jahresende einen gewaltigen Boom an neugebauten Anlagen. Nennenswert Strom erzeugt haben diese Anlagen aber erst im Jahr 2011, was dazu führt, dass die Stromerzeugung aus Photovoltaik um zwei Drittel zulegte.5 Ebenfalls stark gewachsen ist die Windkraft und die Bioenergie. Bei der Windkraft wurde das Wachstum dadurch begünstigt, dass das Jahr 2011 windreicher als 2010 war. Dem gegenüber ist das Absinken der Stromerzeugung aus Wasserkraft auf ein niederschlagsarmes Jahr zurückzuführen.6 Die Stromerzeugung aus Mineralölprodukten weist zwar einen starken relativen Einbruch auf, aber Mineralöl trägt (siehe Diagramme oben) nur wenig zur Stromerzeugung insgesamt bei. Grund für das weitere Sinken dürfte der im letzten Jahr sehr hohe Ölpreis sein.

Insgesamt zeigen diese Auswertungen also, dass manche der letztes Jahr durch die Presse geisternden Unkenrufe nicht berechtigt waren. Daher ist es immer gut, nicht nur nachzuplappern, sondern sich auch mal mit den Daten zu beschäftigen, dafür gibt es sie ja schließlich.

Nachtrag 08.03.2012: Ich habe mir die Veränderung der CO2-Emissionen von Braun- und Steinkohle sowie Erdgas und Mineralöl jetzt doch noch ein bisschen genauer angeschaut. Als Grundlage dafür dient diese Metastudie zu Treibhausgasemissionen.7

Energieträger Mehr-/Mindererzeugung 2011 ggü. 2010 spezifische CO2-Emission Veränderung der CO2-Emissionen 2011 ggü. 2010
Einheit TWh/a g/kWh Mt/a
Braunkohle +4,6 1035 ± 197 +4,76 ± 0,90
Steinkohle -2,5 915 ± 165 -2,29 ± 0,41
Erdgas -3,3 522 ± 123 -1,72 ± 0,40
Mineralöl -1,4 748 ± 198 -1,05 ± 0,28
Summe -2,6 -0,30 ± 2,00

Es zeigt sich, dass die CO2-Emissionen rechnerisch leicht um 0,30 Millionen Tonnen (Mt) CO2 zurückgegangen sind (bei gesamten CO2-Emissionen aus fossilen Kraftwerken in einer Größenordnung von 300 Mt CO2). Dieser rechnerische Rückgang ist so gering, dass die Fehlergrenzen mit ±2,00 Mt CO2 viel größer sind. Das bedeutet also, dass die CO2-Emissionen nahezu konstant geblieben sind, es könnten so wohl eine leichte Zu- als auch eine leicht Abnahme der CO2-Emissionen aufgetreten sein, jeweils aber weniger als ein Prozent. Um diese Frage nach den CO2-Auswirkungen des teilweisen Atomausstiegs 2011 endgültig zu beantworten bräuchte man detailiertere Angaben, am besten die Emissionen für jedes einzelne Kraftwerk.

Anmerkungen:

  1. Zu beachten: Es handelt es sich sowohl für 2010 als auch für 2011 um vorläufige Daten, es kann sich also im Detail noch die eine oder andere Zahl ändern. Für die hier getroffenen Aussagen wird dies aber wohl keine Auswirkungen haben. []
  2. Genau genommen handelt es sich dabei um den sogenannten „biogenen Anteil des Hausmülls“, der etwa 50 % des Hausmülls ausmacht. []
  3. Mit ein paar Nachkommastellen mehr würde dann irgendwann ein „null Komma irgendwas Terawattstunden“ dastehen. []
  4. Mit „Mineralöl“ sind in diesem Diagramm, wie in allen anderen hier die Mineralölprodukte gemeint. []
  5. Ähnliches, wenn auch etwas abgemildert, wird sich für den Vergleich der Jahre 2011 und 2012 zeigen. []
  6. Zu den Wetterdaten siehe auch das Hintergrundmaterial der AGEB. []
  7. Die Studie aus dem Mai 2007 mit dem Titel „Treibhausgase und Kernenergie“ stammt von Areva bzw. dem Deutschen Atomforum. Ich habe Datenquellen aber überprüft und es scheint zu passen. Auch wenn man andere Quellen für die spezifischen CO2-Emissionen zu Grunde legt, ändert sich das hier gesagte nicht. []

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