Dienstag, 10. März 2009 | Autor: | Artikel ausdrucken

Anlässlich des Internationalen Frauentages begann die Wochenendausgabe 7./8. März 2009 mit einem 12-seitigen Dossier unter dem Titel „der neue sexismus„. Darin waren einige sehr lesenswerte Artikel, deren interessanteste Passagen ich hier wiedergeben möchte:

Der Editorial-Artikel „wozu noch stöhnen“1 kommt zu folgendem Schluss über das wesen des Sexismus:

Das ist vielleicht auch die Botschaft im Jahr 2009: Sexismus ist oft eine Abwertung, die von Männern gegenüber Frauen ausgeübt wird. Aber Sexismus ist vorallem ein System, bei dem viele mitmachen. Frauen wie Männer. Es ist ein System, das Frauen festlegt und Männer festlegt. Und das tut beiden nicht gut.

Mit den Chancen und vorallem den Hürden für Frauen in der Politik beschäftigt sich der Artikel „Abgeordnet. Untergeordnet.“ und kritisiert dabei vorallem die beiden Volksparteien, in denen Frauen zwar bis in Spitzenpositionen gelangen, aber dennoch nur sehr beschränkte  Macht haben:

Macht besteht und entsteht, wo jemand sich was traut, weil er vermutet, dass andere vor Rache oder Strafe zurückschrecken. Den Frauen in den Volksparteien gelingt es nicht, solche Macht zu sammeln. Sie haben keine Truppen in der Fraktion, die zu ihnen halten, wenn es eng wird.

Aber es geht auch anders, das zeigen die Grünen:

Auch der Parteiapparat der Grünen ist reizbar, doch er ist klein. Und er ist dank der feministischen Parteitradition auf eine Weise reizbar, die Frauen begünstigt. Die Quote – die die SPD auch hat – ist nicht Grund dafür, sondern Ausdruck davon. So kommen Frauen nach vorn, die ihrerseits das Geschäft der Intrige sehr gut verstehen und durchaus was an den Füßen haben: Renate Künast, Bärbel Höhn, Anja Hajduk.
Die Grünen zeigen noch den stärksten Kontrast zum Volksparteiensystem, in dem Frauen nur vordringen, wenn sie niemandem gefährlich werden, dafür aber jemandem nutzen – einem Mann. Seehofer etwa. Die erfolgreicheren Grünenfrauen wären als Volksparteigewächse nicht denkbar.

Das Freiheiten und gesellschaftliche Zwänge teilweise sehr dich beeinander liegen zeigt der Artikel „Der freie Zwang zur Sexyness2 :

Zum „erlaubt ist, was gefällt“ wird besonders von emanzipierten Frauen gerne ein erleichterter Seufzer ausgestoßen. Damit grenzt man sich von der vermeintlichen Unsexiness der „befreiten“ Müttergeneration ab. Natürlich ist es genau das, worum es bei der Abstreifung von Normen gehen muss – aber warum wird diese Freiheit heute so restriktiv genützt? […] Warum müssen eigentlich auf einmal dauernd alle sexy sein wollen?

Die Antwort ist so einfach wie komplex: weil das, was früher in erster Linie als externer Zwang wahrgenommen wurde, heute nach innen gerutscht ist. […]

Die Disziplinierung des möglichst normgerecht erotischen Körpers – die Normen gibts gratis aus der Mainstream-Popkultur – geschieht eben nicht, weil man bzw. frau muss, sondern weil sie will. […]

Dabei ist das Belohnungssystem in seiner Paradoxie durchaus frustrierend: jene Frauen, die als besonders sexy gelten, werden oft auch als jene gebrandmarkt, die zu viel Energie für ihr Äußeres verschwenden und letztlich dumm und wertlos seien

Aber es geht auch anders, zum Glück gibt es Menschen, die sich den gesellschaftlichen Normen nicht unterordnen:

Froh darf man zum Schluss auch darüber sein, dass sich im kulturellen „Untergrund“ nicht normierte Idole tummeln […]. Die sind sexy, weil sie Selbstbestimmtheit und Autorität ausstrahlen und sich nicht, im wahrsten Sinne des Wortes, klein machen oder in aktuelle Schönheitsnormen quetschen lassen.

Wie sehr die vermeintlichen Freiheiten als Zwänge wirken können, ist eindrucksvoll in dem Artikel „Saufen, Rauchen, Sex: Mädchen im Vollrausch“ beschrieben. Er zeigt, wie das Ausleben von Freiheit auch als eine Form von Autoagression gedeutet werden kann:

Immer mehr Mädchen sitzen offenkundig einem Mythos auf: Freiheit und Gleichberechtigung durch Exzess. So wanderte 2008 ein neues Schlagwort durch die Medien: Komasaufen. […]

Bei einem „Risikoverhalten dieser Art“, […] handelt es sich oft um „eine Form der Autoaggression“. […]

Wenn Mädchen, und das scheint zunehmend der Fall, keine Sensibilität für ihre spezifischen Schwächen entwickeln, werden sie sich nicht ausreichend schützen. […]

Der zunehmende Alkoholmissbrauch bei Mädchen macht damit einmal mehr deutlich: Gleichberechtigung verlangt, eine grundlegende Ambivalenz auszuhalten. Es gilt, sich über die an die Geschlechterdifferenz geknüpften traditionellen Wertvorstellungen hinwegzusetzen – und gleichzeitig zu wissen, dass biologische Unterschiede nicht übergehbar sind.

Sehr schön finde ich, dass in dem Dossier nicht nur auf Sexismus gegen Frauen sondern auf Sexismus gegen Männer eingegangen wird. Denn das ist ein Thema, das (leider gerade auch von Feminist*innen) verdrängt wird. Die taz widmete diesem Thema eine ganze Seite. Zum einen gab es den Artikel „Zu Tode gekuschelt“3 mit fünf Fallbeispielen für Sexismus gegenüber Männern.

Zum anderen zeigt der Artikel „Mann oder Memme“4 , dass Sexismus gegenüber Männern ein Tabu-Thema ist:5

Die Debatten um Gleichberechtigung basierten „auf einem hegemonialen Männerbild“, sagt Lenz. […]

Die Demütigungen der Männer hingegen, die nicht dem Klischee des Gewinners entsprechen, sind noch weitgehend tabuisiert. Die Gesellschaft gesteht den Männern keinen Schutz vor körperlichen und seelischen Verletzungen zu, meint Lenz. Verletzlichkeit „gilt als unmännlich“. Genau das ist die Falle.

Das Dossier endet mit der Frage um den Sinn und Unsinn des Binnen-I. Der Artikel „Die Erektion im Text“ beleuchtet die Diskussion in der taz-Redaktion um die Verwendung des Binnen-I:

Das Binnen-I polarisiert. Und diese Polarisierung scheint bei manchen Menschen dazu zu führen, dass sie überhaupt nicht mehr über inklusive Sprache nachdenken. […]

Sexistische Sprache ist für sie sehr viel mehr, als ein Buchstabe vermitteln kann: „Sprache ist sexistisch, wenn sie Frauen und ihre Leistungen ignoriert; sie ist sexistisch, wenn sie Frauen in Abhängigkeit von oder Unterordnung zu Männern beschreibt und wenn sie Frauen nur in stereotypen Rollen zeigt.

Zusätzlich sind viele Einzelstimmen aus der Redaktion zum Binnen-I abgedruckt, eine kleine Auswahl:

  • Das große „I“ ist ein Stolperbuchstabe. Genau dazu ist er da: zum Irritieren, Nachdenken und Infragestellen.
  • Es gibt starke Hinweise aus der Psycholinguistik, dass das Binnen-I die mentale Repräsentation stärker sexualisiert, und zwar binär sexualisiert, als die vorherige Praxis.
  • Es gibt andere Möglichkeiten, zm Frauen in der taz sichtbar zu machen, zum Beispiel über die Themenwahl.
  • Das Binnen-I blendet die Ahnung, dass es mehr Geschlechter/Identitäten geben könnte als zwei, zugunsten eindeutiger Verhältnisse aus.

Die geäußerte Kritik, dass das Binnen-I noch stärker auf Binarität (also auf genau zwei Geschlechter) hindeutet, sehe ich auch so. Daher finde ich es gut, dass sich in letzter Zeit Alternativen wie Gender Gap (z.B. taz-Leser_in) und Gender-Sternchen (z.B. taz-Leser*in) entwickeln. Beide Konzepte setzen zwischen die männliche und weibliche Form eine Lücke, die für alle die Menschen stehen, die sich weder explizit als männlich noch als weiblich definieren.

Ich persönlich bevorzuge das Gender-Sternchen. Das hat keine hochtheoretischen Gründe, sondern zum einen empfinde ich das Sternchen * ästhetischer als den Unterstrich _, zum anderen verwende ich den Unterstrich oft für andere Dinge…

Warum ich das alles erst jetzt blogge: Ich bin erst gestern im Zug dazu gekommen, die Wochenend-taz zu lesen und erst heute wieder im Internet.

Anmerkungen:

  1. der Artikel ist leider nicht online verfügbar []
  2. In der Printausgabe hat der Artikel den Titel „Oh Freiheit, wie bist du bedrückend“ []
  3. online wohl leider nicht verfügbar []
  4. auch diesen habe ich online leider nicht gefunden []
  5. Mit Lenz ist in dem Artikel Hans-Josef Lenz, Männerforscher aus Freiburg []

Kategorie: Sex 'n' Gender
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5 Kommentare

  1. 1
    Till 

    Kurz zum Schluss: danke für den Hinweis auf den „_“ – den hatte ich im taz-Artikel zum Binnen-I nämlich vermisst. Und auch danke für den Link zum Hintergrundartikel: ich kannte den „Gender Gap“ bisher zwar aus diversen Publikationen aus dem queeren Umfeld, die Genealogie dahinter war mir aber bisher nicht geläufig.

  2. 2
    hannah 

    Dass 2009 in den Printmedien eine so differenzierte und unideologische Diskussion der Geschlechterfrage möglich ist, kann doch eine Menge Hoffnung geben, oder?
    Der sachliche Tiefgang dieses TAZ-Dossiers, der eng angelehnt ist an den wissenschaftlichen Dialog im Bereich Gender-Forschung, hat mich jedenfalls positiv überrascht. Auch der Blog hier zeigt, dass es die Frage der „sozial produzierten“ binären Geschlechterrollen Frau-Mann aus dem Elfenbeinturm der feministischen Wissenschaften ins breitere Denken interessierter Zeitgenoss_innen geschafft hat, was mich wirklich freut.

  3. 3
    Lukas 

    @hannah

    ich fande das taz-dossier auch sehr gut, das war auch mit der grund, warum ich so ausführlich darüber geschrieben habe. und wie du, finde ich es auch sehr gut, dass sich endlich der frau-mann-gegensatz wird und langam akzeptiert wird, das nicht immer die frau die unterdrückte ist, sondern dass auch frauen andere frauen (und auch männer) unterdrücken können.
    was auch immer „frauen“ und „männer“ genau sind…

  4. 4
    Holly 

    Ein wirklich toller Beitrag! Vor allem, weil Sexismus schon alltäglich zu sein scheint. Ich vermute auch, dass die meisten gar nicht bemerken, wenn sie eine sexistische Äußerung von sich geben. Und ich bin definitiv pro gender! Dabei bevorzuge ich den Unterstrich, da der Platz für alle lässt, die sich nicht deutlich als Mann oder Frau identifizieren. ;)

  1. […] …schreibt eine wunderbare Blogschau. Außerdem eine Presseschau. Es geht am Ende auch um: die Art, wie man politisch korrekt schreibt. […]

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